Dokumentiert:
Flugblatt der Alten Meierei zur aktuellen Situation
(23.8.03)
Es sieht gerade nicht gut aus für die Alte Meierei. Wir haben eine
Abmahnung von der Stadt erhalten, damit ist die Kündigung eingeleitet.
Wir werden dieser Entwicklung nicht tatenlos entgegensehen. Wir haben
uns entschlossen, alle unsere Kräfte zu mobilisieren und um die Alte
Meierei zu kämpfen. Die Meierei ist für uns als politischer
Lebens- und Handlungsraum unverzichtbar.
Projektbeschreibung:
Der Ursprung der Meierei liegt 20 Jahre zurück. Damals ließ
die Stadt mehrere besetzte Häuser am Sophienblatt in Kiel räumen.
Die Meierei wurde Leuten aus den besetzten Häusern als legales Ausgleichsprojekt
zur Verfügung gestellt.
Heute sehen wir die Meierei als ein politisches Kommunikations- und Kulturzentrum.
In ihr ist ein Wohnprojekt angesiedelt, außerdem gibt es Raum für
nicht kommerzielle Konzerte, Theater und andere Veranstaltungen. Bands
haben die Möglichkeit zu proben, es gibt Werkstätten, politische
Treffen und es finden regelmäßig Café und Vokü
(öffentlich veganes Essen vom Kochkollektiv) statt.
Die Räume der Meierei werden selbstorganisiert verwaltet. Das bedeutet
für uns, das sich alle (Einzelpersonen und Gruppen), die in der Meiereistruktur
mitarbeiten, für das was hier gemacht wird, gemacht werden soll oder
auch nicht geschehen sollte, verantwortlich fühlen. Unser Anspruch
hierbei ist ein nicht hierarchischer Umgang miteinander (z. B. werden
Entscheidungen kollektiv im Konsens entwickelt). Selbstorganisierung bedeutet
für uns möglichst unabhängig von staatlichen Strukturen
zu sein, deshalb verzichten wir auf Vereinsstrukturen, lehnen Fördergelder
ab, und arbeiten nicht mit Parteien zusammen. Die Gelder die bei Veranstaltungen
reinkommen, dienen ausschließlich dazu das Projekt am Leben zu erhalten
(Sanierungskosten des öffentlichen Bereiches, Bandkohle und so).
Seit Abschluß des Nutzungsvertrages 1983, der eine kulturelle Nutzung
ausdrücklich einschließt, wird die Halle für öffentliche
Veranstaltungen wie Konzerte genutzt. Auf Grund dessen kam es seit 1995
zu mehreren Kündigungsdrohungen seitens des Liegenschaftsamtes. Mit
mehreren Abmahnungen, ist nun der Weg zur tatsächlichen Kündigung
und damit zu einer gewaltsamen Beendigung des Projektes beschritten. Die
Erhöhung des Drucks, mittlerweile auch vom Ordnungsamt, und die kommunalpolitische
Entwicklung, tragen dazu bei, dass wir die Lage als sehr ernst betrachten.
Darüber hinaus kam es in letzter Zeit zu an den Haaren herbeigezogenen
Polizeieinsätzen gegen BewohnerInnen des Hauses, die sich eindeutig
als Einschüchterungs- und Kriminalisierungsversuche werten lassen.
Der Verdacht drängt sich auf, dass es Bestrebungen gibt, hier ein
"Sicherheitsproblem" zu inszenieren.
Hintergrund des Konfliktes ist die Forderung der Stadt, dass Veranstaltungen
mit mehr als 50 Personen ordnungsrechtlich genehmigt werden müssen.
Die Erlangung einer solchen Genehmigung stellt jedoch ein unüberwindbares
Hindernis dar, denn der damit verbundene Zwang zur Professionalisierung
und Kommerzialisierung käme einem Ende des Projektes Meierei gleich.
Auch sind wir gar nicht in der Lage, die Kosten, die für Umbaumaßnahmen
etc. anstünden, zu tragen. Die Nutzung der Halle, so wie sie stattfindet,
ist technisch verantwortbar, und Probleme, die sich v.a. durch Lautstärke
im Umfeld von Musikveranstaltungen ergeben, haben wir stets versucht auf
ein erträgliches Maß zu reduzieren. Zusätzlich wird zur
Zeit an einer Verbesserung des Schallschutzes gearbeitet.
Die Forderung der Stadt enthält in der Konsequenz zwei Alternativen:
Räumung oder "freiwillige" Selbstaufgabe. Beide sind völlig
inakzeptabel und den Ordnungsanspruch bürgerlicher Herrschaft, der
dahinter steckt, halten wir für überwindenswert. Die autoritäre
und umfassende Durchsetzung von Kontrollansprüchen in allen Lebensbereichen,
und der aufgebaute Zwang, die menschliche Existenz an sich, den Verwertungsbedürfnissen
einer kleinen aber mächtigen Minderheit zu unterwerfen, offenbaren
ein menschenverachtendes Modell von Gesellschaft, das Untertanengeist
einfordert und Selbstorganisierung und Kritik von Unten bekämpft.
Aber es geht uns nicht nur um die Meierei. Sie ist für uns ein Mittel
zum Zweck, über das selbstbestimmte und eigenverantwortliche Organisieren
von Bereichen unseres Alltags, einen Umgang mit diesem System zu finden,
der dazu führt, mehr und mehr selbstbestimmt Organisieren zu können.
Und das ist Notwendig!
Die Arbeit wird härter, die Arbeitszeit länger oder vielleicht
kriegt mensch gar keinen Job. Oder möchte auch gar nicht unter den
vorherrschenden entsetzlichen Bedingungen arbeiten und liefert sich "freiwillig"
dem Druck vom Sozi, Hartz-Konzept, Agenda 2010 usw aus. Wer bei gesellschaftlichem
Spaß oder Freizeitvorstellungen und Beschäftigungen nicht mitmachen
will oder kann, wird zur/zum AußenseiterIn.
Aber so vieles auf das wir Lust hätten kostet Geld. Und davon immer
mehr und viel zu viel. Wer da nicht mitmachen will hat wenig Möglichkeiten.
Alleine das Teilhaben am Leben soll heutzutage Geld kosten. In der Innenstadt
sind all jene, die nix kaufen, sondern nur da sind und sich Treffen, unerwünscht.
Wenn die HändlerInnen meinen, dass diese die EinkäuferInnen
stören, werden sie weggejagt, weggesperrt, weggeprügelt Von
den KonsumentInnen, wird dies eingefordert und unterstützt oder zumindest
toleriert. "Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen und mir im Weg
sein schon gar nicht!". Menschen, die sich in Kiel auf öffentlichen
Plätzen versammeln, werden mit weitreichenden Maßnahmen vertrieben,
z.B. dem allgemeinen Platzverweis für das Gelände rund um den
Sophienhof, den Bahnhofsvorplatz, Gelände rund um Karstadt . Diese
Maßnahmen werden durch ständige Polizeipräsenz, vermehrte
Razzien, Kontrollen und das Anbringen großflächiger Hinweisschilder
durchgesetzt. Und das läuft nicht nur in den Innenstädten so,
sonder in allen Bereichen. Diese Gesellschaft hat kein Bock auf Arme,
benutzt sie als Sündenbock, als abschreckendes Beispiel für
Menschen, die vom sozialen Abstieg bedroht sind oder sich bedroht fühlen,
und macht ihnen das Leben immer schwerer.
Es gibt keine Möglichkeit sich dem zu entziehen. In anderen reichen
Ländern läuft das gleiche Spiel, und um konkurrieren zu können,
werden die Lebensbedingungen im Wettlauf verschlimmert - nicht nur im
eigenen Land. Mit der entsprechenden Macht läßt sich schnell
mal ein unkooperatives Regime, ein Rivale um begehrte Ressourcen erledigen,
die Lage destabilisieren, dann Eingreifen, Einfluß aufbauen, absahnen,
fertig. Wenn die Leute, die dort Leben das nicht mehr mitmachen wollen
und sich wehren, werden sie bombardiert oder anderweitig "befriedet".
Wer da weg will, soll auf keinen Fall hier landen. Die EU und ihre Mitglieds-
und Anrainerstaaten schmieden immer neue Pläne, um die Festung Europa
dicht zu kriegen. Sammellager und Abschiebeknäste, Auffanglager an
den Grenzen, an Flughäfen oder sogar noch im Ausland oder "Heimatnahe
Flüchtlingsunterbringung" sind Regelungen, die um jeden Preis
MigrantInnen von hier fernhalten.
Diese Ungerechtigkeit, das konsequente Nichteinhalten der Wohlstandsversprechen,
... , sorgt für Angst.
Angst bei den Regierenden, das sich die Regierten wehren. Angst bei den
BürgerInnen ihre Privilegien zu verlieren. Um die Macht zu behalten
wird ein Kontroll- und Ordnungsapperat aufgebaut. Die Regierung schürt
die vorhandenen Ängste und versucht sie in Richtungen zu manipulieren,
die sie zum eigenen Machterhalt benutzten kann. Das Konzept der Industrienationen
im Aufbau von Feindbildern und der Gefahrenbekämpfung ähnelt
sich auf internationaler und kommunaler Ebene. Weltweit werden Länder
als Gefahrenzonen dargestellt , die platt gemacht und unter Kontrolle
gebracht werden müssen, da diese Länder terroristische Netzwerke
hervorbringen. Mit einem ähnlichen Bild wird in Städten wie
z. B. Kiel das Konstrukt "gefährdete Orte" aufgebaut. Damit
wird suggeriert, das nur durch rigoroses Eingreifen von Polizeigewalt
und modernsten "Sicherheitstechniken" diese unter Kontrolle
gehalten werden können.
Göteburg, Genua, Köln: die Rede von international organisierten
GewalttäterInnen in Form von "black block" oder anarchistischen
Netzwerken, soll politische Gruppen entpolitisieren.
Orte in denen Menschen versuchen selbstbestimmt zu leben, politische Zentren
oder Projekte, die sich einfach nur Konsumterror und Verwertungslogik
entziehen wollen, werden als Kaderschmieden von GewalttäterInnen
ausgemacht und kriminalisiert. Entweder sie müssen weg oder es wird
versucht sie über ordnungsrechtliche Wege, wie z. B. Nichteinhalten
von Gesundheitsbestimmungen, Gefährdung durch Baufälligkeit
der Gebäude, Schmutz, Lautstärke zu kontrollieren und andernfalls
in Randbereiche der Städte zu verdrängen, wo sie erstmal nicht
stören.
Die Politik der Stadt Kiel - wie auch aller anderen kommunalen und sonstigen
Regierungen in der BRD - ist auf der einen Seite bestimmt (wie schon vorher
ausgeführt) von einem umfassenden Kontroll - und Ordnungsanspruch,
auf der anderen Seite eine neoliberale (Neu)Ordnung.
Wohn - und Lebensprojekte wie Timmerberg, Aubrook werden geräumt
oder von Räumung bedroht, mit umfassenden staatlichen Vorschriften
drangsaliert, musico e. V. an der Hörn musste einer umfassenden Umstrukturierung
zu einem neuen Yuppiestadtteil und Konzernansiedlungen weichen, die Pumpe
wird in ihrer Kultur - und Veranstaltungsarbeit mit weitgehenden (unter
anderem finanziellen) städtischen Eingriffen geknebelt, die Kieler
Wohnungsbau Gesellschaft und die Stadtwerke wurden an Konzerne verkauft,
andere "Ämter", wie das Städt. Krankenhaus werden
(nach Ansage von OB Volquarts) folgen. Alle Bedürfnisse von Menschen
in dieser Stadt werden maximaler Profitorientierung untergeordnet.
Wir werden für den Erhalt der Meierei kämpfen!
Wir wollen diesen Raum, um unsere Vorstellungen eines selbstorganisierten,
herrschaftsfreien und sensiblen Miteinander zu leben.
Wir wollen uns nicht in die Normen dieser Gesellschaft pressen lassen!
Wir wollen uns diesen Raum bewahren, in dem nicht jede/jeder alleine mit
seinen/ihren durch die Gesellschaft verursachten Problemen klarkommen
muß und eine "alle-gegen-alle-brutalität" propagiert
wird.
Solche Orte müssen nicht nur verteidigt, sondern aufgebaut werden!
Wir solidarisieren uns mit der Alternative in Lübeck, Bambule in
Hamburg, Rigaerstraße 94 in Berlin und allen anderen linken Projekten,
die dieses versuchen umzusetzen!
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