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Freenet / Kiel:
Wetten, dass..?

Hörn in Kiel

Es ist durchaus legitim, im Zuge eines politischen Diskurses auch mal überspitzte, sarkastische oder satirische Formulierungen zu gebrauchen. Auf dieser Seite wurde in der Vergangenheit - auch im Zusammenhang mit den Problemen der Stadt Kiel mit der Alten Meierei - immer wieder mal auf den städtischen Größenwahnsinn Bezug genommen, der sich in gescheiterten (bzw. zukünftig gescheiterten) Glaspalast-Projekten wie dem geplanten Science-Center an der Hörn manifestiert.

So war hier vor knapp einem Jahr zu lesen:
"[Die Stadt] will lieber weiterhin [...] das Geld für größenwahnsinnige Projekte in der Förde versenken und lieber jedem dubiosen Investor in den Allerwertesten kriechen [...], als öffentliche Gelder sinnvoll zu verwenden".

In Bezug auf die damals bevorstehende Zwangsversteigerung des "Schmid-Turms" an der Hörn war hier im März '05 der Vorschlag zu lesen, dass der zukünftige Investor als "Sahnehäubchen" dort ja ein Callcenter für "innovative Produkte" wie Zeitschriften oder Preselect-Verträge einrichten könne.

Dass manch eine polemische oder sarkastische Formulierung einfach nur den Nagel auf den kopf trifft, zeigt ein Blick in die KN von heute: Freenet will an der Hörn bauen. Sechsgeschossiger Callcenter-Komplex mit zehngeschossigem Turm. Man verhandele mit der Stadt, ob man das Areal dann offiziell "Freenet Platz" nennen dürfe.

Ein kleiner Rückblick:

In der kurzen Sturm-und-Drang-Phase der New Economy gegen Ende der 90er Jahre hatten die städtischen Großbaumeister Großes mit dem brachliegenden östlichen Hörnufer vor. Ein komplett neuer Stadtteil mit Büros, Geschäften und Wohnungen sollte her. London hatte seine "Docklands", Kiel brauchte seine "Kai-City". Baubeginn spätestens Ende 1999. In der KN waren seinerzeit schicke Reißbrettzeichnungen zu bestaunen, wie das Areal so um das Jahr 2003 herum aussehen sollte. Auf den Seiten der Stadt Kiel kann man sich das immer noch als kleine Grafik anschauen.

Einer der größten wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Erfolge der letzten Jahre [...] Die ISION AG ist exakt das, wovon wir an der Hörn geträumt haben.
Jürgen Fenske, ehem. SPD-Fraktionsvorsitzender, zitiert nach Linx 4/2000


Zu den ersten Handlungen gehörte der Abriss des Musico-Gebäudes am Ende der Hörn, eines lebendigen Ortes für Konzerte und die lokale Musikerszene mit Proberäumen. ISION wollte investieren. ISION baute. Man kam immerhin noch dazu, den Neubau zu beziehen, bevor ISION 2002 pleite war und Firmengründer Alexander Falk zwischenzeitig in Untersuchungshaft landete.

Endgültiger Standort des Multimedia Campus Kiel wird spätestens im Sommer 2003 ein Neubau am Kopfende des Germania-Hafens an der Hörn. Dort entstehen die Räumlichkeiten für den Lehrbetrieb und das Anwenderzentrum, in einem weiteren Bau in unmittelbarer Nähe wird durch das Engagement des Vorstandsvorsitzenden der MobilCom AG, Gerhard Schmid, das Gründerzentrum entstehen.
(Aus einem Pressetxt des Wirtschaftministeriums SH von 2001)


Gerhard Schmid war einmal ein reicher Mann, der in Kiel viel Geld investieren wollte. Dann hat er sich verzockt, Stichwort UMTS. Über 40 Millionen wurden in den Bau gesteckt, bis 2002 den beteiligten Baufirmen per FAX erklärt wurde, dass die Bauarbeiten eingestellt würden. Groß war der Jubel der Stadtoberen im September '98, als Schmid den Vertrag mit der Stadt unterschrieb. Von einer "Initialzündung" war die Rede. So steht es jedenfalls in der KN vom 22.12.2004.

2005 wurde der Bau für 15 Millionen zwangsversteigert. An Schmids Frau und einen FDP-Politiker, der in seiner Partei allenfalls durch seine Windigkeit auffällt. Was bei der FDP schon was heißen soll. Gerhard Schmid ist nun kein reicher Mann mehr, hat dafür aber eine reiche Frau, die nun seinen "Schön ist etwas anderes"-Bau (frei zitiert nach KN) besitzt. So geht das.

An diese Traditionen möchte die Landeshauptstadt Kiel anknüpfen und mit einem maritimen Science Center einen "touristischen Leuchtturm" als Botschafter moderner Standortpolitik schaffen [...] Als Standort des Maritimen Science Centers Schleswig-Holstein ist das Ende der Kieler Förde mitten in der Stadt vorgesehen. [...] Beide Varianten würden ein Investitionsvolumen von rund 28 Millionen Euro umfassen. [...] Eine wesentliche Bedingung für den Betrieb des Science Centers ist ein subventionsfreier Betrieb ohne Daueralimentation durch die öffentliche Hand. Darüber besteht Einigkeit mit der Betreiberfirma Merlin.
(aus einer Pressemitteilung der Stadt Kiel, April 2004)


Man sieht das Meer vor lauter Leuchttürmen nicht mehr. Ein Science Center muss her! Das ist modern! Dem möglichen Investor, einer Vergnügungsparkfirma in Besitz der US-Heuschrecke Blackstone, wurde der rote Teppich ausgelegt. Jahrelange Verhandlungen inklusive Besichtigungstermin an der Hörn. Am Ende sagte der Investor "Tschüss und danke für alles", weil Aktionäre viel lieber schwarze Zahlen als rote Teppiche sehen. Und schwarze Zahlen macht man nun mal nicht mit einem zum Leuchtturm umfunktionierten Luftschloss. Die Stadt Kiel hat die Sache aber noch nicht aufgegeben. Der nächste potentielle Investor bekommt vielleicht noch die Kieler Förde als Geschenk dazu. Vielleicht klappts ja dann.

freenet surft Richtung Hörn
[...]
Wenn die Ansiedlung gelingt, wäre das eine sehr vernünftige Sache, auch für die Entwicklung des Hörnufers wäre das sehr gut“, erklärte Jürgen Hahn, wirtschaftpolitischer Sprecher der SPD Ratsfraktion. Auch Lutz Oschmann (Grünen-Ratsfraktionschef) sagte, man habe das in der Fraktion „sehr positiv bewertet“, über die Namensgebung des Platzes allerdings werde man noch mal reden müssen – das sei Verhandlungssache.
(aus: KN, 23.5.2006)


Man muss ein wenig vorsichtig sein, was man über diesen (u.a. Zeitschriften-Abos und PreSelect-Verträge vermittelnden) Investor schreibt, der dieses Ensemble steingewordener Satire auf die New Economy mit einem Neubau bereichern möchte. Das könnte (wieder!) justiziabel sein. Jedenfalls so lange, wie die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen freenet-Chef Spoerr wegen Verdacht auf Insiderhandel zu keinem Ergebnis geführt haben. Und die Unterlassungserklärung, die der Verfasser dieses Textes unterschrieben hat, steigert auch nicht unbedingt das Bedürfnis, hier seine Meinung frei zu äußern. 10.000 Euro sind viel Geld.

Aber vielleicht ein paar Pressemeldungen?
Freenet und Mobilcom bricht der Gewinn weg
(Abendblatt 10.5.06)
"Freenet-Chef füllt sich die Taschen"
(Handelsblatt 26.7.05)
Nachdem er [freenet-Chef Spoerr] schon 2004 mit einer Vergütung von 3,4 Mio. € seinen Kollegen Grenz (955 000 €), aber auch Branchengrößen wie Telekom-Chef Ricke überrundete, wird er nun durch den Verschmelzungsvertrag weitere Aktienoptionen einlösen, die ihm gut 5 Mio. € einbringen werden.
(VDI-Nachrichten 19.5.2006)
Fünf Euro Stundenlohn: Kritik an freenet
(Kieler Nachrichten vom 29.11.2003)


...........


Wenn man mich 1998 gefragt hätte, wie die Hörn im Jahr 2006 aussehen würde, hätte ich möglicherweise geantwortet: Ein paar glitzernde Pleitebauten und Brache.

Gerne lasse ich mich in 3-4 Jahren an folgende Sätze erinnern, wenn der freenet-Bau an der Hörn tatsächlich Realitat werden sollte:

1. Das wird wieder ein Schuss in den Ofen (für Kiel)
2. Eckhard Spoerr wird die Einweihung des Neubaus nicht mehr als Freenet/Mobilcom-Chef erleben.

Top, die Wette gilt!

Geschrieben am 23.05.06, Bereich: Zeit

Kommentare

Mein Vorschlag in Anlehnung an frühere Zensurversuche:

"Platz des Himmlischen Friedens"  
 
geschrieben von dirk am 25.05.06 um 00:11

Kiel hat Glück, dass es am Wasser liegt; - sonst hätte es nicht viel mehr zu bieten als eines: - "Nichts." Mit einer Ausnahme: Innovation und Investition zu blockieren. Sie meinen, das stimmt nicht? - Dann sollten Sie sich die Stadt mit einigen Parametern ansehen: Arbeitslosigkeit, Wirtschaftswachstum, Perspektiven ...  
 
geschrieben von Klaus Schuessler am 25.07.06 um 16:06

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