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Alte Meierei & "Science Center" Kiel:
Selbstverwalteter Bauboom und städtischer Größenwahn

Die Schikanen seitens der Stadt Kiel und ihrer Repräsentanten gegenüber der Alten Meierei waren zuletzt im August Thema auf dieser Seite. Peter Todeskino
Bereits im Juni wurde an dieser Stelle darauf verwiesen, dass die Stadt Kiel für ein Retortenprojekt namens "Science Center" über 6 Millionen Euro aus städtischen Mitteln aus dem Fenster werfen möchte, während der Meierei als "alteingessene" Kultureinrichtung bei den von der Stadt selbst geschaffenen Problemen die angemessene Unterstützung versagt wird.

Höchste Zeit für ein Update!


Alte Meierei: Große Solidarität und Bauboom

Großartig: Die klammheimliche Hoffnung mancher rechter Ratsvertreter, dass man die Meierei ähnlich problemlos wie das Zentrum Merhaba (heute: eine Straße), die Sattlerei in Kiel-Friedrichsort (heute: ein Parkplatz) und MUSICO an der Hörn (heute: ein New-Economy-Glaspalast einer Firma, die mittlerweile pleite ist) entsorgen könne, erhielt wohl in den letzten Wochen einen gewaltigen Dämpfer. Trotz Veranstaltungsverbotes machen die verschiedenen MacherInnen im Exil weiter, wobei bei einem Soli-Festival zugunsten der Meierei die Pumpe aus allen Nähten platzte und das - wie ich heute hörte - finanziell erstaunlich erfolgreich war.

Die Gelder hat die Meierei dringend nötig: Seit Anfang Oktober wird in der Meierei gebaut (schicke Fotos!) wie zuletzt im Jahre 1995. Während damals (ohne jegliche städtische Einmischung) die Halle auch aus Brandschutzgründen völlig "entkernt" und das rotte Oberlicht komplett saniert wurde, sind seit einigen Wochen Leute aus der Meierei und dem Umfeld dabei, den "sinnigen" Teil der städtischen Auflagen umzusetzen, sei es ein Geländer an der Rampe (was schon vor zehn Jahren im Gespräch war) oder bessere Fluchtwege. Ich war heute mal zu einer Baustellenbesichtigung vor Ort: Das sieht schon richtig gut aus!

Allerdings: Wo es "sinnige" Maßnahmen gibt, gibt es auch unsinnige. Wie bereits berichtet, machte der "grüne" Bürgermeister Peter Todeskino eine zukünftige Genehmigung von Veranstaltungen bis 125 Personen (!) davon abhängig, dass u.a. im Wohnbereich (!) sämtliche Kohleöfen durch Elektroradiatoren (!) ersetzt würden. Stromkosten so bummelig 200 Euro im Monat pro Zimmer. Eine Zentralheizung aber, z.B. mit Holzpellets, würde hingegen nach Schätzungen mit weit über 15.000 Euro zu Buche schlagen. Geld, das die Meierei mit bestem Willen nicht aus Eigenmitteln oder durch Soli-Veranstaltungen im Exil aufbringen kann. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass laut KN vom 20.10.05 Vertreter der schwarz-grünen Ratsmehrheit aus Kosten- und Klimaschutzgründen vorschlagen, dass "sukzessive alle Ölheizungen in städtischen Gebäuden durch Holzpellet-Heizungen oder Fernwärmeanschlüsse zu ersetzen" seien. Auch hier zeigt sich, dass die Weigerung der Stadt Kiel, der Meierei (als städtisches Gebäude!) angemessene Mittel zur Verfügung zu stellen, auf gut Deutsch eine Verarschung ist. Und es erscheint erst recht schwierig, Vetreter dieser Ratsmehrheit als Gesprächspartner überhaupt noch ernst zu nehmen.

Eine echte Leseempfehlung zum Thema ist die Erklärung der Konzertgruppe "Rebelti@as". Zitat: "Auch wenn wir gerade keine andere Möglichkeit sehen, als uns auf die Forderungen und Drohungen der Stadt einzulassen, ist eins klar: wir haben eine feste Grenze, von der wir nicht zurückweichen werden. Diese Grenze liegt an dem Punkt, wo die Existenz der Alten Meierei als eigenständiges, lebendiges, unkommerzielles und selbstverwaltetes Projekt gefährdet ist.". Meines Erachtens die beste Erklärung aus dem Meierei-Umfeld seit langer Zeit. Hatte man als Außenstehender manchmal den Eindruck, Meierei und Umfeld laufen auf einem Fuballplatz mit Transparenten am Mittelkreis herum und nehmen die Huldigungen der angereisten Fans entgegen, scheint man sich jetzt mit einer guten Portion Selbstbewusstsein in Richtung gegnerischen Strafraum zu bewegen. Ich hoffe, dabei wird entdeckt, dass der Ball bereits einschussbereit auf dem Elfmeterpunkt aufgelegt ist. Dieser Ball trägt die Aufschrift "Maritimes Science Center" ...

„Ich bin mit ihm als Dezernent und Bürgermeister sehr zufrieden, er war konsequent bei der Alten Meierei und er hat das Science Center sofort aufgenommen.“
(Der Kieler CDU-Ratfraktionschef Gert Meyer über den "grünen" Bürgermeister Peter Todeskino, zitiert nach KN v. 8.9.05)


"Maritimes Science Center": 6,5 Millionen Euro für einen Gaul, dem nicht ins Maul geschaut wird

Es ist schon erstaunlich: Laut KN vom letzten Samstag (22.10.) werden jährlich 300.000 (in Worten: dreihunderttausend) Besucher benötigt, damit das geplante "Science Center" rentabel läuft. Den KN-Autor Konrad Bockemühl quälen in einem Kommentar dann auch "stille Zweifel", ob dies realistisch sei. Wohl auch nicht ganz zu Unrecht. Bis dato ist nicht einmal annähernd geklärt, wofür dieses Großprojekt inhaltlich überhaupt stehen soll. Null Konzept. Von Seiten der Wissenschaft in Form der Kieler Uni wird eine stark wissenschaftliche Ausrichtung angemahnt, während der Investor Merlin Entertainment, Tochter der "Private Equity"-Gesellschaft Blackstone, mit dem die Stadt in intensiven Verhandlungen steht, zweitgrößter europäischer Betreiber von Freizeit- und Vergüngungsparks ist.

Mit Interesse wird die Diskussion in Flensburg verfolgt: Dort gibt es mit der Phänomenta bereits seit 10 Jahren ein Science Center. Es ist durchaus nachvollziebar, dass man z.B. beim SSW nicht gerade amused ist, dass nun das Land Schleswig-Holstein rd. 17 Millionen Euro trotz angeblich leerer Kassen für den Aufbau einer regionalen Konkurrenz in Kiel springen lassen möchte. Bevor ich es vergesse: Das nächstgelegene Sea-Life Center von Merlin Entertainment ist in Timmendorfer Strand. Und in Hamburg wird auch nicht gekleckert, sondern geklotzt: Als riesiges Projekt ist dort das "Überseequartier" inklusive Aquarium und ein Science-Park in Planung. Investitionsvolumen: 800 Millionen Euro.
Anfang Oktober war ich in Berlin. Auch dort gibt es ein Sea-Life-Center von Merlin. Ein Blick auf die Eintrittspreise reichte mir, um mich rückwärts zum Eingang zurück zu bewegen.

Wie war das noch mit den prognostizierten Besucherzahlen für die EXPO 2000 in Hannover?

Alexander Möller, SPD-Ratsfraktionsvize, löcherte den Antragsteller, Bürgermeister Peter Todeskino, „ob die Stadt Geld in die Hand nehmen würde, um ein Grundstück für das Science Center zu kaufen, ob die 75-Prozent-Förderung des Landes sich auch auf einen Grundstückskauf bezieht und welches Grundstück es sein könnte.“ Er wolle keine Standvortvorentscheidung, um „schwierige Verhandlungen“ mit Merlin nicht zu belasten, antwortete Todeskino. Birgit Kulgemeyer (Stadtplanungsamt) klärte auf, dass Grundstückskäufe „nicht förderfähig“ seien. Nachdem Ausschussvorsitzender Robert Cordes (CDU) Teile der Standortdebatte in den nicht öffentlichen Teil verbannte, erinnerte Möller an einen Brief von Kämmereileiter Thomas Brünger an Kämmerer Torsten Albig, in dem massiv auf die Kostenrisiken hingewiesen wird: „Kennen Sie dieses Papier?“ fragte Möller Todeskino, um dessen Nicken zu ernten. Der Brief kritisiert die „Besucherzahlen als zu hoch eingeschätzt“, außerdem seien Sachleistungen der Wirtschaft mit 900000 Euro gesichert – in die Rechnungen allerdings fließen zwei Millionen Euro von dieser Seite ein. Und: Die Stadt habe die Investitionskosten 2004 geschätzt. „Wir können nicht beurteilen, wie belastbar diese Grundlagen noch sind“, heißt es im Brünger-Brief, da in die Wirtschaftlichkeitsberechnungen Werte aus 2003 eingeflossen sein. „Wir empfehlen vor Entscheidung über die Realisierung eines Science Centers eine Überprüfung der Annahmen und der Wirtschaftlichkeitsberechnungen“, mahnt Brünger. Sein Chef saß gestern mit am Tisch: „Es ist die Aufgabe des Kämmeres, über finanzrelevante Umstände zu informieren“, sagte Albig. Um’s Konzept ging es nicht, auch nicht um den Standort. Aber: Das Land hatte sein gefordertes, vorsichtiges „Ja“ bekommen.
(aus: KN 16.8.05)


Mittlerweile wird für das Kieler Science-Center-Projekt als Standort die Hörn nördlich der Halle 400 favorisiert. Wo vor einigen Jahren städtischer Größenwahn noch einen florierenden neuen Stadtteil im Yuppie-Style der schönen neuen Ökonomie auf dem Reißbrett entwarf, ist heute eine Brachefläche, die hauptsächlich als riesiger Parkplatz für ein paar Autos dient. Sollte sich diese "Idee" durchsetzen, wird sich wohl nicht viel ändern. Für mindestens 300000 prognostizierte Besucher jährlich wird der entsprechende riesige Parkplatz benötigt. Auf dem dann ein paar Autos stehen werden.

Wer trotz angeblich leerer Kassen 6,5 Millionen Euro öffentlicher Gelder ausgeben möchte, brauch dafür eine vernünftige Begründung. Auch für die Privatisierung öffentlichen Raumes, wie offensichtlich an der Hörn in exponierter Lage geplant, bedarf es einer Begründung, die irgendwie mit dem Begriff "Gemeinwohl" ein Einklang zu bringen ist.
Der Begriff "Gemeinwohl" ist dann auch das Stichwort zum Thema Investor. Blackstone ist nun wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Genauer gesagt: der Investor, mit dem man die "schwierigen Verhandlungen" "nicht belasten" möchte (Todeskino) ist auf der sogenannten "Heuschreckenliste" des zukünftigen Vizekanzlers.
So stellt sich also Schwarz-Grün (inklusive SPD) in Kiel einen "Leuchtturm" vor, der "wichtige wirtschaftliche Impulse ausstrahlt" (KN, 10.6.05) ...

Was tun?

Auch wenn ich seit Jahren nicht mehr direkt in der Meierei engagiert bin, bin ich sehr, sehr sauer, welche Show die Stadt Kiel derzeit abzieht. Die Meierei wird schikaniert und in ihrer kulturellen und politischen Substanz bedroht, während die Stadt öffentliche Gelder in ein offensichtlich windiges Retorten-Projekt stecken möchte, bei dem der Gemeinnutz äußerst fragwürdig ist.

Sollte die Stadt Kiel weiter ihren Konfrontationskurs gegenüber der Meierei beibehalten, sollte verstärkt die Konfrontation mit dieser größenwahnsinnigen und kurzsichtigen Rathauspolitik gesucht werden. Es könnte spannend werden, wenn die "schwierigen Verhandlungen" mit dem Science-Center-Investor von Vorbehalten, Kritik und Widerstand aus der Kieler Bevölkerung begleitet würden ...

In diesem Sinne:
Meierei bleibt!
Science Center stoppen!

Geschrieben am 27.10.05, Bereich: Zeit

Kommentare

Wieder einmal eine typische Politikerpose, Parteibücher geben einem hier mehr als zum Denken.
Allerdings die übliche Art und Weise mit linken Kulturzentren umzugehen... Geld regiert die Welt!  
 
geschrieben von Dirk am 3.11.05 um 06:52

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